Über die Geheimnisse der Vogelsprache – Rezension und Interview mit dem Wildnislehrer und Vogelexperten Ralph Müller

Es dürfte nicht viele in Deutschland geben, die so viel über Vögel wissen, wie Ralph Müller – das behaupte ich jetzt einfach mal so. Denn Ralph Müller beschäftigt sich seit seiner Kindheit intensiv mit Vögeln und kennt diese wie kein anderer. Unser Glück ist, dass er all sein Wissen in einem überaus zugänglichem und spannenden Buch niedergeschrieben hat. In „Die geheime Sprache der Vögel. Den Vögeln lauschen, sich berühren lassen, von ihnen lernen“ führt uns Ralph in die Geheimnisse der Vogelsprache ein.

Das Buch ist in drei große Kapitel gegliedert. Zuerst geht es um die Wahrnehmung – wie fange ich überhaupt an, Vögel wahrzunehmen, welche Werkzeuge zur Beobachtung gibt es  – hier spielt der Sitzplatz natürlich wieder eine große Rolle -, dann um das Leben der Vögel im Rhythmus der Jahreszeiten und zuletzt um die Geheimnisse der Vogelsprache.

Hier geht es um die verschiedenen Grundstimmungen der Natur, um das Erkennen von Harmonie und Spannung, sowie die Unterschiede zwischen Gesängen, Kontaktrufen, Bettelrufen und Warnrufen.

Auch das Kapitel über das Leben der Vögel im Rhythmus der Jahreszeiten hält viele Erkenntnisse für uns bereit.

Was zum Beispiel alles im Februar/März passiert:

  • Die Frühlingsbalz hat begonnen. Nistplätze werden ausgecheckt und überprüft.
  • Die Waldkäuze und Waldohreulen sind immer noch am Balzen. In Parks mit alten Baumbeständen könnt ihr sie am besten finden.
  • Frühjahrsvogelzug: Die nordischen Brutvögel, die bei uns überwintert haben, begeben sich langsam auf die Wanderung in ihre Brutgebiete. Zugleich beginnt die erste Ankunftswelle unserer Brutvögel.  Die Kurzstreckenzieher, wie Bachstelze, Feldlerche, Zilpzalp die im Mittelmeerraum übernachtet haben, kommen zurück.
  • Die Spechte fangen jetzt an zu rufen und trommeln.

Insgesamt ist „Die geheime Sprache der Vögel“ ein umfassendes und liebevoll geschriebenes Werk über das Leben der Vögel und ich kann es wärmstens empfehlen. Dabei ist es nicht nur für Experten geschrieben, Ralph gibt auch den Anfängern unter uns viele Tipps, wie sie sich Vögeln nähern können. Dazu muss man nämlich nicht viel Geld für ein Spektiv ausgeben, sondern es reicht, die Vögel in unserer unmittelbaren Nachbarschaft regelmäßig zu beobachten, uns einen als Helfervogel auszusuchen und u.a. dabei folgende Fragen im Blick zu haben:

  • Wovor hast du Angst? Was machst du, wenn Gefahr droht? Wie hört sich deine Stimme an, wenn du entspannt bist? Wie klingt sie, wenn du Angst hast?
  • Wo schläfst du? Wie groß ist dein Revier, wie weit entfernst du dich von deinem Nest?Wo baust du dein Nest und wo sammelst du deine Baustoffe?

Diese Fragen haben mich bei meiner Annäherung an die Vögel sehr inspiriert und wenn ihr hier schon länger mitlest, dann wisst ihr, das mein Helfervogel die Amsel ist, deren Stimme ich hier auf der Spur bin.

„Die geheime Sprache der Vögel“ ist ein Buch, das mich zutiefst berührt hat und ich freue mich sehr, dass Ralph sich bereit erklärt hat, Waldweg ein Interview zu geben:

Interview mit Ralph Müller

Ralph MüllerDu hast unglaublich viel mit Vögeln erlebt. Gibt ein Erlebnis, das dich besonders fasziniert und beeindruckt hat?

Da gibt es einige, eines kommt mir ganz spontan, das ist der Kontakt mit einer Krähenscharbe auf der Vogelinsel Røst in den Lofoten. Damals ist mir eine junge Krähenscharbe, die noch nie einen Menschen sehen hatte, ganz nah gekommen, hat auf meinen Knien gesessen und meine Brille untersucht.

In diesem Augenblick habe ich in der Tiefe verstanden, dass Vögel Wesen auf dieser Erde sind, so wie wir Menschen Wesen auf dieser Erde sind. Dass es wirklich eine Ebene gibt, wo sich zwei Wesen begegnen und miteinander kommunizieren. Und dass es nicht darum geht, dass das eine Krähenschabe ist, die so und so viel Eier legt, und im Sommer dahin fliegt und im Winter dorthin.

Dieser Moment, wo zwei Wesen sich begegnet sind, die unterschiedlich aussehen, unterschiedlich sprechen, aber beide gleichberechtigt auf dieser Erde leben, war für mich ein sehr tiefes  und berührendes Erlebnis.

Hat sich deine Beziehung zu den Vögeln im Laufe der Jahre gewandelt? Welche Bedeutung haben Vögel für dich heute? War das früher anders? 

Das hat sich mit Sicherheit verändert. Ich bin älter geworden, habe verschiedenste Erfahrungen gemacht und bin gelassener geworden. Früher hat es mich sehr geschmerzt, wenn irgendwo an der Straße ein überfahrener toter Vogel gelegen hat oder wenn ich gesehen habe, wie Vögel in Käfige gesperrt wurden. Da habe ich mich immer gefühlt, als ob ich selbst tot gefahren oder in einen Käfig gesperrt worden wäre. Damals war meine Verbindung sehr stark und teilweise auch sehr wütend.

Heute kann ich annehmen, dass auch das ein Teil dieser Erde ist. Dafür versuche ich, immer mehr Verständnis für die Vögel und die anderen Mitwesen auf dieser Erde zu verbreiten. Mein Ziel ist es, dass die Menschen mit den Tieren in Kontakt kommen und Freude mit und an ihnen haben. Das es nicht nur darum geht, einen Vogel einzuordnen und zu klassifizieren nach dem Motto, „Das ist ein Rotkehlchen, im Sommer wohnt es da und im Winter da, es hat fünf Junge.“, sondern darum wirklich in Kontakt mit dem Vogel zu treten, ihn als anderes Wesen wahrzunehmen, so wie ich damals bei meiner Begegnung mit der Krähenscharbe.

Hast du einen besondern Verbündeten unter den Vögeln? Gibt es jemanden, der dir besonders am Herzen liegt?  Zu dem du eine besondere Verbindung hast?

Ein starker Verbündeter ist der Steinadler. Von ihm lerne ich, von seinen Eigenarten, seinem Sein. Der Steinadler ist einer der, Ruhe ausstrahlt, der auch mal ruhig da sitzt und wartet. Wenn in den Alpen richtig schlechtes Wetter ist im Winter, dann wartet er auch mal zwei Tage und geht in seine Ruhe. Er weiß, wenn er jetzt auffliegt und jagt, hat das keinen Sinn, er verliert nur Kraft.

Zu wissen und zu spüren, wann tue ich was, wann tue ich was nicht, in die Ruhe zu kommen, das schaue ich mir vom Steinadler ab.

Aber auch, dass ich mal auf den Tisch haue, und sage, so geht es nicht, das hat mich ebenfalls der Steinadler gelehrt, auch das ist seine Energie.

Du bist sehr vielseitig, bietest auch Reisen nach z.B. Kanada an. Wie planst du deine Projekte? Was kommt dieses Jahr? 

Ich habe das große Glück, das ich momentan viel Zeit habe, das Leben hat mich da sehr beschenkt. Ich habe immer wieder Zeitfenster, wo ich mich hinsetzen und mich fragen kann, was kann ich, was für Erfahrungen habe ich da, was braucht die Welt, was braucht die Natur, was brauchen die Menschen. Daraus sind meine Kanureisen nach Polen und Kanada entstanden, die inzwischen immer mehr den Charakter von Heilreisen bekommen.

Denn dort können wir erfahren, wie Erde vor 1000 Jahren aussah. Dort können wir das Wasser trinken, die Fische essen, dort gibt es keine Maschinengeräusche, keine Ablenkung, nur uns selbst.Dort halten wir inne, haben Zeit, in uns hinein zu spüren. Die Verbindung zur Natur führt uns zu uns selbst.

Aber die Natur fordert uns auch und daran können wir wachsen. Dieses Wachstum findet natürlich vor allem  außerhalb der Komfortzone statt, denn nur da entwickeln wir uns weiter. Diese beiden Aspekte reizen mich jedes Jahr von neuem an den Kanutouren.

Außerdem bin ich dieses Jahr wieder am Schreiben, mein neues Buch erscheint im Frühjahr nächstes Jahr. Darin wird es um Naturverbindung gehen. Dass wir die Erde nicht als Kulisse sehen für unserer sportlichen Aktivitäten, sondern verstehen, dass wir auf dieser Erde leben und alles von der Erde geschenkt bekommen  – sogar die Rakete mit der wir zum Mond fliegen.

Vielen Dank für dieses Interview, ich freue mich sehr auf dein nächstes Buch. Alles Gute dafür und für deine Reisen in diesem Jahr. 

Steinadler

Alle Fotos auf dieser Seite stammen von Ralph Müller.

Links:

Ralphs Wildnisschule und seine Reiseangebote findet ihr unter www.natur-wildnis-schule.de

www.vogelsprache.de ist seine Seite über die Welt der Vögel.

Ralph Müller, „Die geheime Sprache der Vögel. Den Vögeln lauschen, sich berühren lassen, von ihnen lernen.“ AT Verlag 2010.

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