„Fährtenlesen verbindet uns mit uns selbst“ – ein Interview mit dem Wildnislehrer Paul Wernicke

Paul Wernicke

Neulich war ich beim Seminar „Wolfstracking“ der Wildnisschule Hoher Fläming (Bericht dazu hier). Es war ein tolles Wochenende und danach wollte ich unbedingt mehr über das Fährtenlesen wissen. Darum habe ich die Gelegenheit genutzt und Paul Wernicke, den Leiter der Wildnisschule Hoher Fläming, zu interviewen.

Paul kenne ich schon seit längerem, er ist einer meiner Mentoren und zusammen mit Wieland Woesler und Tim Täger derjenige, der mich zur Wildnispädagogik gebracht hat.

Bei einem Naturmentoring Seminar, das Paul und Wieland vor drei Jahren gehalten haben, habe ich zum ersten Mal erfahren dürfen, welch umfassende Lebensauffassung hinter der Wildnispädagogik steckt und wie wohltuend für die Seele ihr achtsamer Umgang mit Mensch, Natur und Tieren ist. Seitdem bin ich immer wiedergekommen und jedes Mal ganz erfüllt und begeistert von dem, was ich lerne und von der Art, wie es vermittelt wird. Denn Paul, Tim und Wieland achten immer darauf, dass sich in ihren Kursen alle wohl fühlen, egal mit welchen Vorkenntnissen sie zu einer Veranstaltung kommen.

Das war auch dieses Mal so, beim Tracken, einem der wichtigsten Elemente der Wildnispädagogik. Mit dem Fährtenlesen fing nämlich alles an. Das ist unsere Verbindung zu unseren Vorfahren, die noch Jäger und Sammler waren. Ohne die Fähigkeit, Spuren zu lesen, wäre ihnen das nicht möglich gewesen. Fährten lesen zu können, ist also eine ganz wichtige Fähigkeit, die unsere Vorfahren noch beherrschten. Heute wachsen nur noch die Kinder einiger Naturvölker, z.B. der San Bushmen in der Kalahari damit auf. Dennoch ist auch für uns Menschen in der westlichen Welt befreiend und erfüllend Spuren zu lesen. Doch das lassen wir uns jetzt von Paul erzählen.

Interview

Hattest du ein Erweckungserlebnis in punkto Fährtenlesen? Wie hat das angefangen?

Fährtenlesen ist für ihn eine Lebenshaltung: Paul Wernicke
Paul Wernicke: „Fährtenlesen ist eine Lebenshaltung für mich.“

Der Anfang liegt bestimmt in meiner Kindheit. Die erste Begegnung mit dem Spurenlesen waren die Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich „Die Söhne der großen Bärin“, wo ganz viel übers Spurenlesen drin ist, das wollte ich auch können.

Viel später kamen dann die Geschichten meiner Mentoren Jon Young und Tom Brown aus den USA sowie Gero Wever, Leiter der Wildnisschule Teutoburger Wald hinzu.  In ihnen spielte Fährtenlesen immer eine ganz große Rolle. 2002 habe ich dann das erste Seminar „Einführung ins Spurenlesen“ besucht und erlebt, dass es möglich ist, eine Fährte aufzunehmen, dem Tier zu folgen und tiefe Einblicke in das sonst so verborgene Leben zu bekommen. Das fand ich unglaublich faszinierend.

Damals habe ich zum ersten Mal gehört, dass alles, was nicht flach ist, eine Spur ist. Und da habe ich die Welt auf einmal mit anderen Augen gesehen. Direkt nach dem Seminar habe ich einen Freund besucht, in dessen Garten ein Maulwurfshügel war. Und da drin waren überall Spuren. Tierspuren. Ich habe mir die Rinde an dem Baum daneben angesehen, wieder überall Spuren.

Und so ging es weiter.  Ich stand in Berlin an einer Straßenbahnhaltestelle und schaute nach rechts und sah überall Tierspuren. Und so bin ich zu meiner ersten Frage gekommen: „Wer ist da eigentlich unterwegs?“ Das war mein Einstieg ins Spurenlesen.

Du hast weitergemacht beim Fährtenlesen und bietest inzwischen eine eigene Ausbildung zusammen mit Greg Sommer, einem amerikanischen Fährtenleser an? Wie ist es dazu gekommen?

Greg Sommer
Greg Sommer

Ich habe Greg 2012 kennen gelernt. Greg kam damals zum ersten oder zweiten Mal nach Deutschland. Er hat schon in seiner frühen Jugend eine intensive Ausbildung bei Jon Young gemacht, und ist jemand, der Spurenlesen wirklich lebt. Im Alter von 15 Jahren schloss er als jüngster Absolvent das intensive Naturstudium “Kamana Naturalist Programm” ab, verbrachte zwei Jahre in der Tracker School von Tom Brown und arbeitete bei Forschungsprojekten über den Puma (Berglöwe) mit dem renommierten Spurenleser und Biologen Mark Elbroch zusammen.

Greg hat mir gezeigt, was es bedeutet ein Fährtenleser zu sein und dadurch meine Art und Weise, Spuren zu lesen, nochmal vollkommen verändert.

Natürlich hatte ich mich auch schon vorher die ganze Zeit mit Spuren beschäftig, weil ich viel in der Natur unterwegs war, aber durch Greg habe ich nochmal eine ganz andere Herangehensweise erfahren.

Die Art und Weise, wie er fragt und wie er Dinge betrachtet und wie er sich selbst auch immer wieder hinterfragt und überprüft, erschließt mir immer wieder neue Welten.

Dadurch habe ich auf einmal vieles verstanden, was mir vorher verschlossen geblieben war. Er hat mir Sachen gezeigt, oder mich auf Dinge gestoßen, durch die ich endlich über die Frage „Wer ist hier langgelaufen?“ hinausgekommen bin und mich mit den Fragen  „Warum war das Tier hier?“ „Wo ist das Tier hingelaufen?“  oder „In welcher Stimmung war das Tier?“ beschäftigen konnte. Ich begann endlich zu verstehen, was wirklich passiert sein könnte, konnte Situationen völlig neu interpretieren und diese anhand der Spuren zu belegen.

All die Sachen, die ich vorher nur aus Geschichten kannte, wurden auf einmal Wirklichkeit. Und es hat einfach unglaublich viel Spaß gemacht.

Für mich gibt es keinen besseren Weg als Tracking, um eine intensive Naturverbindung aufzubauen und tief in die Landschaft und die Natur einzutauchen.

Mit Greg habe ich dann angefangen, den ersten Kurs zu entwickeln, das war damals das „Wolfstracking“ Seminar. Dabei haben wir gemerkt, dass wir gut zusammenpassen und dass diese Art und Weise zusammen zu arbeiten, für beide sehr befruchtend ist. Darum haben wir entschieden, mehr miteinander zu machen und daraus ist die Weiterbildung entstanden, wo wir über einen längeren Zeitraum prozessorientiert mit Menschen arbeiten.

Denn für mich als Mentor macht es einen Riesenunterschied, ob ich Leute nur für ein Wochenende kurz kennen lerne und mit ihnen arbeiten kann, oder ob sie auf einem Lernweg begleiten kann.

Darum ist mir die Weiterbildung so wichtig, weil ich damit Menschen auf ihrem eigenen Weg gut begleiten und ihnen auch durch schwierige Phasen, wo sie an ihre Grenzen stoßen, unterstützen kann.

Es geht also nicht nur darum die Trittsiegel zu lesen, sondern um sehr viel mehr, was sind die Inhalte der Weiterbildung?

Wir arbeiten als Mentoren mit dem Kreisprinzip, d.h. wir gehen durch verschiedene Jahreszeiten hindurch und durch verschiedene Lernzyklen. Dabei beschäftigen wir uns intensiv mit den Fragen, die für uns Fährtenlesen bedeuten.

„Wer ist hier langgegangen?“: die Identifikation der Art, des Geschlechts oder des Alters.

„Wie hat sich das Tier bewegt?“: Wir versuchen die Bewegungen des Tieres mit unserem eigenen Körper nachzuahmen, um zu verstehen wie die Muster im Boden entstanden sind.

„Was ist hier passiert?“: Hier fügen wir die einzelnen Trittsiegel zu Gang- und Bewegungsmustern zusammen.

„Wann?“ Wir beschäftigen uns mit dem Alter der Spur

„Wo ist das Tier jetzt?“ Wir lernen der Fährte zu folgen und das Tier zu finden.

Ziel unserer Weiterbildung ist, dass die Teilnehmer*innen die Landschaft, in der sie sich befinden, verstehen. Dass sie wahrnehmen, ich bin Teil dieser Landschaft, Teil des Netzwerks der Natur. Ich gehöre dazu.

Viele Menschen haben diese Gefühl heutzutage verloren, wir bringen sie dahin zurück, denn in dieser Verbindung zur Natur liegt eine Sinnhaftigkeit, die sonst verborgene Lebensenergie eröffnet.

Fährtensuchen
Auf der Spur des Wolfes

Doch nicht nur die Verbindung zu Natur ist wichtig, für uns gehört auch die Verbindung mit einem bestimmten Tier dazu. Darum beschäftigt sich während der Weiterbildung jeder Teilnehmer*in ganz intensiv mit einem Tier und dessen Spuren.

Und dabei entsteht ein Verständnis für dieses Tier, das hinausgeht über das, was in Büchern steht und was andere einem weitergeben. Es wird zu einer persönlichen Beziehung, die außerordentlich und bedeutungsvoll ist, das haben die Erfahrungen der letzten sechs Jahre gezeigt.

Was außerdem diese Weiterbildung von anderen unterscheidet, ist das Thema Vogelsprache. Das mag erstmal so klingen, als hätte es nichts mit Spurenlesen zu tun. Aber für uns sind die Vögel diejenigen, die uns durch ihr ausgeklügeltes Alarmsystem erzählen, was gerade um uns herum passiert. Ihre Rufe und ihre Gesänge, das sind für uns akustische Fußabdrücke, die wir ganz kurz hören können. Sie erzählen uns, wann ich dem Tier nah bin und wie ich mich verhalten muss, um es nicht zu stören.

Fährtenlesen bedeutet, sich immer wieder Fragen zu stellen, ihnen nachzugehen und Antworten anhand der Spuren zu belegen und beweisen.

Es bedeutet immer wieder, noch genauer hinzuschauen, in dem Wissen, dass es unmöglich ist, alles wahrzunehmen.

Es bedeutet, die Bereitschaft zu haben, stets aufs neue die Perspektive zu wechseln, sich selbst zu hinterfragen und zu akzeptieren, dass es immer eine Spur gibt, die mich an die Grenze meines Wissens und meiner Fähigkeiten führen wird.

Spurenlesen macht demütig und gleichzeitig entsteht tiefes Wissen über die Zusammenhänge der eigenen Umwelt.

Diese Qualitäten lassen sich auf verschiedenste Bereiche im eigenen Leben anwenden, so wird die Kunst des Fährtenlesens zu einer Lebenshaltung, einem eigenem Weg. Diese Kunst ist wahrscheinlich so alt, wie es uns Menschen gibt. Spurenlesen ist zellulär in uns verankert, durch die Beschäftigung damit verbinden wir uns mit dem altem Wissen unserer Vorfahren.  Die müssen ziemlich gute Fährtenleser gewesen sein, denn sonst wäre heute wohl keiner von uns hier.
Spuren sind Vergangenheit. Spuren führen in die Gegenwart. Spuren in die Zukunft können nur gedacht werden. Eine Spur hat immer einen Anfang und ein Ende.

Nun leben wir ja nicht alle am Waldesrand. Wie finde ich Spuren in meinem Alltag? Wo sind auch in der Großstadt Möglichkeiten Spuren zu lesen?

Am einfachsten ist es, wenn du dir einen Sandkasten suchst, eine Harke nimmst, den Sand glattziehst, und dann die Katze des Nachbar oder einen Hund darüber laufen lässt. Danach schau dir an, wie die Vorderfüße aussehen, was unterscheidet sie von den Hinterfüßen, was ist rechts und links?

Betrachte das Trittsiegel als Landschaft. Was sind Erhebungen, wo sind Täler entstanden, gibt es Ausbuchtungen, Risse, Grate, wo ist Sand abgebrochen, sind kleine Lawinen entstanden? Auf einmal werden dir Sachen und Merkmale auffallen, die sich vorher deiner Wahrnehmung entzogen haben.

Der zweite Schritt wäre dann herauszufinden, wie das Tier gelaufen ist. Was für ein Muster im Boden hat es hinterlassen und was bedeutet es?

Das ist der Anfang eines Fadens, dem beginnst du zu folgen, er führt dich aus dem Sandkasten heraus, in die Landschaft, in den Wald, zu den Tieren und letztendlich auch zu dir selbst.

Vielen Dank Paul für dieses Interview.

Wer jetzt neugierig geworden ist und mehr wissen möchte:

Hier findet ihr die Homepage der Wildnisschule Hoher Fläming mit vielen weiteren Angaben zur Weiterbildung und andern Kursen.

„Klub der Fährtenleser“– Monatlicher Treffpunkt  für Tracker und Interessierte um zu lernen, sich auszutauschen, gemeinsam zu tracken und Spaß zu haben. Denn wer alleine Spuren ließt, hat bekanntlich immer recht.

Weiterbildung „Fährtenlesen“, Tracking-Training intensiv über sechs Module mit Greg Sommer:

Wochenendseminar Wolfstracking

Wochenendseminar „Einführung in die Kunst des Fährtenlesens“ bei der Wildnisschule Hoher Fläming veranstaltet durch den Kooperationspartner Naturschule Freiburg:

Zum Ansehen:

Bericht über das Seminar „Wolfstracking

Trailer zur Weiterbildung „Die Kunst des Fährtenlesens“ 

Reisebericht zu den besten Trackern der Welt den San-Bushmen, zum Anhören:

Presseartikel im Tagesspiegel Magazin zum Thema Wolfstracking:

Presseartikel in der Geo Online:

Die Fotos in diesem Blogpost stammen von Paul Wernicke und  mir.

5 Kommentare

  1. Schönes Interview! Ich freue mich immer über Menschen, die sich so idealistisch für die Natur und deren Wertschätzung einsetzen. Ohne sie hätten viele Pflanzen und Tiere keine Lobby und noch mehr Lebensraum würde verloren gehen.

    1. Liebe Sandra, vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Ja, es ist so wichtig, dass es diese Menschen gibt, die sich für die Natur und die Tiere einsetzen. Und da bin ich Paul auch sehr dankbar. Liebe Grüße Kathrin

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