Mein Sitzplatz: Vier Tage im April

Sitzplatz mit Eiche

Dieser Post kommt ein bisschen spät, aber es war einfach zu viel los. Dennoch ist es mir wichtig, die Geschichte meiner Sitzplatzes nachzutragen, die war nämlich im April richtig spannend.

Es begann mit Schnee und Kälte. Das Osterfeuer feierten wir noch in weißer Landschaft, die Feuerwehr brauchte über eine Stunde, um das Feuer zu entzünden.

2.4. 19.45 Uhr, ca. 10 Grad, leichter Regen

Mein Sitzplatz im AprilDer Schnee der letzten Tage ist geschmolzen, die Bille führt recht viel Wasser. Der Fluss wirkt lebendig, gluckert und blubbert vor sich hin. Auch die Vögel machen sich laut bemerkbar, das Vogelkonzert ist in vollem Gange, vor allem die Amsel ist laut zu hören.

Ein Reh kommt vorbei, der weiße Spiegel ist deutlich zu sehen. Es hat mich nicht bemerkt, sondern stolziert entspannt auf der anderen Seite des Flusses entlang. Nach einer Weile kommt es zurück, bleibt unter der Weide stehen, wittert, scheint mich jetzt doch bemerkt zu haben. Es dreht sich um und läuft leicht trabend weg. Dabei plätschern seine Beine leicht im Wasser, der erste Ton, den es macht. Sonst war es vollkommen lautlos unterwegs. Als ich meinen Sitzplatz um halb neun verlasse, hat die Dämmerung langsam eingesetzt, aber die Vögel sind nach wie vor sehr aktiv.

Dann waren wir zwei Wochen in den Osterferien, sodass ich erst am 16.4. wieder an meinem Sitzplatz war.

16.4. 10.30 Uhr, ca. 15 Grad, nass nach dem Regen, normaler Wasserstand

Mein Sitzplatz im AprilEs ist schön, nach dem Urlaub wieder am Sitzplatz anzukommen. Ich brauche diese Zeit und staune über die Veränderungen, die die letzten beiden Wochen gebracht haben. Die Umgebung ist sehr viel grüner als vor 14 Tagen, sogar Teile des umgefallenen Baumes, der im Wasser liegt, tragen Blätter.

All die schönen Frühjahrspflanzen lassen sich jetzt blicken: Löwenzahn, Brennnessel, Giersch. Die Grünspechte sind sehr aktiv, auch viele andere Vögel singen, die Amsel und die Kohlmeise höre ich heraus. Die ersten Hummeln summen herum, wie schön. Auf dem Pfad finde ich Rehspuren, sehe aber heute keine.

19.4. 11.00 Uhr, sehr sonnig ca. 22 Grad, leichter Wind

Mein Sitzplatz an der BilleEin herrlicher Tag, alles grünt und blüht, die gesamte Kraft und Energie des Frühlings zeigt sich. Das Scharbockskraut schiebt überall seine Blätter hervor, junge Brennnesseln beginnen die Landschaft zu bedecken. Gundermann säumt jetzt wieder die Wege, auch die Knoblauchsrauke fehlt nicht. Ein reich gedeckter Esstisch heute.

Aus der Ferne sehe ich einen Rehbock, doch er hat mich bemerkt und dreht ab. Ich ärgere mich ein bisschen, hatte ich doch versucht, extra leise und langsam zu sein, doch tröste mich dann damit, dass ich ihn früher wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt hätte. Überall sehe ich Rehspuren in der noch leicht feuchten Erde.

Auf der Weide finde ich Losung, ähnlich wie im Herbst letzten Jahres. Ob es wohl der Baummarder war? So richtig sicher bin ich nicht. Losung am Sitzplatz

Das Eichhörnchen taucht zum ersten Mal nach einer halben Ewigkeit wieder auf, die Grünspechte sind wieder sehr aktiv.

Die Atmosphäre am Platz ist sehr sinnlich, alles ist so grün und voller Energie. Ich lege mich auf die Erde und tauche ein ins Gras, rieche den modrigen Geruch des Mooses an der Rinde,  probiere hier ein bisschen von der Knoblauchsrauke, dort ein bisschen vom Gundermann. Der Himmel ist so blau, die Weiden ganz hellgrün, beim Herz singt bei diesem schönen Anblick. So fühlt sich Frühling an.

Freitag 27.4. in der Früh, ca. 7.30 Uhr, ca. 10 Grad

Es hat viel geregnet die letzten Tage, alles ist triefend nass. Zaghafter Sonnenschein lugt durch die Bäume, doch wärmt mich nicht, ich fröstele. Es ist viel kälter als letzte Woche, T-Shirt und Leggings sind wieder Wollpullover und Wollfilzjacke gewichen. Alles ist sehr grün, die Weidenblätter sind jetzt langsam raus und verschatten meinen Sitzplatz. Das Vogelkonzert ist in vollem Gange, aber heute erschlägt es mich eher, wirkt wie eine Mauer, ich kann nur ganz vereinzelt Stimmen heraus hören. Ein Vogel macht seltsame Schnalzleute, ich kann ihn nicht richtig sehen, es könnte ein Star sein.

Meine Grundstimmung ist eher verhalten, eine schlechte Nachricht hat viele Fragen aufgeworfen. Ich fühle mich so gar nicht in Beltane Stimmung, doch heute Abend werden wir das Fest in unserer Jahreskreisgruppe begehen. Tanzen sollen wir vorher, das ist die Aufgabe dieses Mal, doch mir ist nicht nach tanzen.

Ich drehe mich um, blicke dieses Mal nicht auf die Weiden, sondern auf den Fluss.Ein Reh kommt auf der anderen Flussseite vorbei, wieder ist der weiße Spiegel deutlich zu erkennen. Es bemerkt mich nicht, und geht weiter seine Wege. Dabei überrascht mich wieder, wie lautlos es unterwegs ist. Hätte ich es nicht gesehen, ich hätte es nicht bemerkt. Wie viele Rehe wohl schon hinter meinen Rücken an mir vorbei spaziert sind? Ich muss meinen Blickwinkel häufiger wechseln.

Mein Sitzplatz an der BileAls die Sonne über die Bäume steigt, suche ich mir einen sonnenbeschienen Platz 20 m weiter an einer kleinen Eiche. Dort wärme ich mich und langsam kommen auch meine Lebensgeister wieder. Die kleinen hellgrünen Eichenblätter über mir machen mich unsäglich froh, sie zeigen, dass es weiter geht, dass nach jedem Winter ein neuer Frühling kommt, dass jeder Anfang unsagbar klein und zart ist. Und so ziehe ich irgendwann meine Schuhe aus und beginne ihn doch langsam, meinen Tanz in den Mai, den Tanz des Frühlings und des Lebens.

Als ich den Hain verlasse, bin ich froh und dankbar für die Kraft der Natur, die uns immer wieder aufrichtet und uns zeigt, wie es weitergeht.

Das waren meine Erfahrungen mit meinem Sitzplatz im April und ich bin sehr dankbar dafür. Wie ist es euch ergangen? Habt ihr einen Sitzplatz gefunden?  Was haben die Vögel und Pflanzen euch verraten oder gelehrt?

Ich würde mich freuen, eure Geschichten zu lesen.

Herzlich,

Kathrin

2 Kommentare

  1. Liebe Kathrin,
    ein wunderschön geschriebener Aprilbeitrag!
    Sehr persönlich, einen mitnehmend und einladend.
    Der Frühling – so viel Kraft, Leben und Hoffnung liegen in ihm, so viel Anfang und Neubeginn. Und doch auch so nah ein Ende, das Vergehen ist noch spürbar – vielleicht erwischt uns deshalb der Frühling auch manchmal von beiden Seiten – von der leichten, aber auch der schwermütigen.
    Gerade der Frühling lässt auch die Fragilität erkennen, die in allem steckt.
    Sei herzlichst gegrüßt!
    Dania

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