Über die respektvolle Jagd. Ein Interview mit Tim Taeger Leiter der Jagdschule JAGWINA

Mit Jägern hatte ich eigentlich nie etwas am Hut. Niemand, den ich kannte, ging auf die Jagd und so waren Jäger für mich seltsame Wesen reicher Herkunft, die mir meinen Wald streitig machen wollten. Doch vor zwei Jahren änderte sich das. Da begegnete ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Wildnispädagogin Tim Taeger, dem Leiter der Jagdschule JAGWINA. Tim war so gar nicht, wie ich mir Jäger vorstellte. Freundlich, feinfühlig und immer um die besten Worte bemüht – Tim ist ein großer Verfechter des Peacemaking, das ich demnächst vorstellen möchte – so lernte ich ihn kennen.

Und so verblasste mein Bild vom reichen Gutsherrn langsam, und an seine Stelle trat Neugierde. Tim verfolgt in seiner Jagd- und Wildnisschule JAGWINA nämlich einen in Deutschland einzigartigen Ansatz. In seinen Kursen geht es nicht um das sture Auswendiglernen von Fakten für die Jagdprüfung, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz. Fährtenlesen und Vogelsprache stehen ebenso auf dem Programm wie Gerbkurse und ökologisch nachhaltige Jagd. Wie das alles zusammenpasst und wie sein persönlicher Weg dorthin war, das habe ich ihn neulich gefragt. Herausgekommen ist ein hoch spannendes Interview, das mir in vielen Bereichen die Augen geöffnet hat. Aber lest selber und lasst euch überraschen:

Tim, wie bist zu zum Jagen gekommen?

Tim Taeger
Tim Taeger, Leiter von JAGWINA zusammen mit seiner Hündin Tonka. Copyright Tim Taeger

In meiner Jugend hatte ich überhaupt keinen Kontakt zur Jagd, dafür war ich sehr engagiert im Naturschutz. Zum Jagen bin ich durch mein Studium gekommen.  Ich habe in Eberswalde „Landschaftsnutzung- und Naturschutz studiert und dort in meiner ersten WG drei Jäger kennen gelernt. Jedes Wochenende wurde im Hof Wild gegrillt.

So entstand der erste Kontakt und ich bin auch mal mitgefahren zum Jagen. Entscheidend war aber ein anderer Umstand. In meinem zweiten Studiensemester habe ich im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ein Praktikum gemacht. Dort habe ich 50 Wildweisergatter kartiert. Das sind 10mx10m eingezäunte Flächen, in die das verbeißende Schalenwild nicht hinein kommt und die dort über alle Waldgesellschaften verteilt sind. Beim Kartieren haben wir haben aufgenommen, welche Bäume und Kräuter dort wachsen. Direkt daneben gibt es immer eine ungezäunte Fläche, die ansonsten identisch ist zu der eingezäunten Fläche. Die haben wir auch aufgenommen.

Das war für mich ein Augenöffner, da habe ich erstmals gesehen, was das verbeißende Schalenwild (Rehe, Damwild, Rothirsch) im Wald für einen Einfluss hat. In den Gattern wuchsen neben Kräuter auch junge Bäume dicht an dicht, die teils so groß wie ich waren, und außerhalb der Gatter gab es einfach nichts. Weder Kräuter noch Baumverjüngung.

Im der ödesten Kiefernmonokultur der Schorfheide haben wir innerhalb des Gatters plötzlich Eiche, Linde, Eberesche und Holunder gefunden. Eingetragen durch Wind und den Eichelhäher hatten sie innerhalb des Gatters eine Chance zu wachsen, außerhalb nicht.

Durch diese Erfahrung und die Erkenntnisse bei der Auswertung der Vegetationsaufnahmen hat sich meine Einstellung zum Schalenwild und seinem Auswirkungen auf die Waldvegetation definitiv verändert und ich habe beschlossen den Jagdschein zu machen, um auf diese Entwicklung Einfluss nehmen zu können.

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Exkurs: 

Gibt es eine Überpopulation an Schalenwild durch das Fehlen natürlicher Feinde?

Es ist weniger die Abwesenheit natürlicher Feinde, als die moderne Land- und Forstwirtschaft, die eine riesige Rolle spielen.

Aktuell haben wir in Deutschland so gute Lebensbedingungen für Damwild, Rehwild und auch Schwarzwild wie noch nie zuvor in deren Evolutionsgeschichte. Das Rehwild zum Beispiel ernährt sich vorzugsweise von nährstoffreichen Pflanzen, diese wachsen aufgrund der intensiven Landwirtschaft heute auf großer Fläche.

Hinzu kommt, dass unsere Forstwirtschaft auf Maschinen ausgerichtet ist, es gibt sehr viele Schneisen im Wald, die Wege sind gut ausgebaut. Dadurch gibt es im Wald so viel Licht wie noch nie. Das schätzen die nährstoffliebenden Pflanzen und wachsen dementsprechend gut im Wald und bieten so den Rehen wieder Äsung.

Gleichzeitig gibt es durch die Industrie und Autoabgase viel Stickstoff in der Luft, der mit jedem Regen als Nährstoff auf den Boden kommt. Jeder Regen bringt eine permanente, flächige Düngung auf Wald und Wiese. Das kommt den Pflanzen zugute, die viele Nährstoffe brauchen diese licht- und nährstoffliebenden Pflanzen begünstigen eben eine hohe Rehwildpopulation. Jeder Ackerrand, jeder Wegrand, auch im Wald, dient als perfekte Äsung. Das Schwarzwild profitiert vom Maisanbau für Biogas, milden Wintern und häufig fruktifizierenden, gestressten Bäumen wie Eiche und Buche. Und da nicht der Räuber die Population des Beutetiers bestimmt, sondern dessen Nahrungsangebot, gibt es heutzutage so viel Schalenwild.

Wölfe oder auch Bären hatten früher bei dunklen Wälder und extensiver Landwirtschaft einen Einfluss. Heutzutage kann man das nur noch in Ausnahmefällen wie z.B. im Vatikanwald in Italien, der sogar seit über 90 Jahren nicht mehr bejagt wird, beobachten, weil dort an die ausgedehnten Wälder keinerlei Intensivlandwirtschaft angrenzt, es also nur die natürlich im Wald vorkommende Nahrung für das Schalenwild gibt.

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Wie ist es dann für dich weitergegangen? 

Nachdem ich den Jagdschein hatte, war ich bei vielen Jagden dabei. Ab 2001 hatte ich dann das Glück im größten Totalreservat, dem heutigen UNESCO Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin, im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (BR), auf 750 Hektar das Wildtiermanagement zu leiten. Das habe ich 12 Jahre lang gemacht.

Dort durfte man nur jagen, um die natürliche Waldentwicklung zu fördern, die durch die verbeißenden Schalenwildarten gefährdet war. Ich habe zusammen mit der damaligen Leitung des BR ein Jagdkonzept entwickelt, in dem der Naturschutz an erster Stelle stand. Auch die Tiere sollten dort ein relativ normales Leben ohne großen Jagddruck führen können. D.h. wir haben nur an drei Tagen im Jahr Drückjagden veranstaltet und an zwei Wochenende Intervalljagden.

Die Drückjagden waren große Jagden mit über 80 Jägern, Hundemeuten und Treibern. Bei diesen wenigen Jagdtagen im Jahr war es wichtig, dass effizient gejagt wurde. Ansonsten herrschte ja Jagdruhe. Das Wild war also nur an ca. zehn Tagen einem zwar hohen Jagddruck ausgesetzt, hatte dafür aber an den restlichen 355 Tagen im Jahr Ruhe vor uns Jägern. Durch diese Strategie konnten wir den Jagddruck minimieren und trotzdem den Verbiss an der Hauptbaumart Buche in acht Jahren von 85% auf unter 50% senken.

Dein persönlicher Weg hat dich dann zur Wildnispädagogik geführt. Wie hat sich dein Verhalten dadurch verändert?

Respektvoll jagen
Copyright Tim Taeger

Anfangs habe ich vor allem geschossen, um den Wald zu „retten“. Dabei war es mir jedoch von Anfang an ein Anliegen, dass das geschossene Tier gut verwertet werden konnte. Wildfleisch ist ja ein hochwertiges Lebensmittel. Ein paar Jahre später habe ich durch zwei FöJ-ler, die Wildniskurse besucht hatten, gelernt, was man alles mit den nicht essbaren Überresten der Tiere anfangen kann. Dass im Kopf genauso viel Hirn drin ist, um damit das Fell zu einem tollen Leder zu gerben Dass man sich aus den Knochen Werkzeuge machen kann, Schaber, Schaufeln, oder auch Nähnadeln. Dass man die Schalen, Hufe, auskochen und Leim daraus machen kann oder auch eine Rassel.

Zuerst war ich skeptisch, doch dann hat mich dieser Ansatz sehr überzeugt.

Daraufhin habe ich 2001 meinen ersten Wildnisbasiskurs bei Wolfgang Peham gemacht, vor allem weil man laut Flyer dort Pirschen lernen sollte, das hatte mich gereizt. In diesem Seminar habe ich mich mit dem „Wildnisvirus“ infiziert und daraufhin viele andere Kurse an verschiedenen Wildnisschulen besucht. Bei meinem zweiten Seminar bei Wolfgang ging es um Bogenbau und die Heilige Jagd. Darin erzählte er, dass er viel mit Indigenen in Nordamerika über das Jagen gesprochen hätte und ihre Haltung sei, dass es auch für die Tiere normal sei gejagt und gefressen zu werden, aber sie, die Tiere, nicht verstünden, warum die westlichen Menschen es so respektlos tun würden. Das hat mich getroffen, nachdenklich gemacht. Denn um Respekt bei der Jagd ging es mir bis dahin nicht. Ich wollte viele Rehe erlegen, damit der Wald wächst und das Fleisch der Tiere gut verwerten, aber mehr auch nicht. Nachdem ich diesen Satz gehört hatte, konnte ich nicht mehr so jagen wie vorher.

Was ist die „Heilige Jagd“? 

Bei der Heiligen Jagd geht es darum, dass sich das Wild selber hergibt für den Jäger, sich selber schenkt. Die meisten Menschen halten das für alte Mythen aus Kanada oder Nordamerika.

Ich habe dann lange geforscht und viele Zeremonien gemacht, um eine Ahnung zu bekommen, was es heißen könnte, respektvoll Leben zu nehmen. Eine Zeitlang habe ich z.B. für jedes erlegte Tier eine heilige Pfeife geraucht. Unterstützung habe ich bei meiner Suche von meinen Mentoren erfahren. Das sind aus den USA John Young, Mala Spotted Eagle und Randall L. Eaton, der auch ein Buch über die Heilige Jagd herausgegeben hat.

Die „traditionellen“ deutschen Wege gingen für mich nicht, weil vieles davon während des Dritten Reiches entstanden und festgelegt worden ist.

Nach vielen Jahren, als ich eine sehr starke Verbindung zu meinem Revier und den Tieren dort entwickelt hatte, habe ich die Erfahrung machen dürfen, dass sich Tiere tatsächlich freiwillig herschenken. Diese Erfahrung hat mich zutiefst bewegt. So zu jagen stimmt für mich zu 100%.

 

Wie hast du dann angefangen Jagdkurse anzubieten? Was verstehst du unter respektvoller Jagd?

Respektvoll jagen
Copyright Tim Taeger

Ich habe früh gemerkt, dass es in der Wildnis-Szene alle möglichen Kurse gibt, Fährtenlesen, Scout-Kurse, Vogelsprache, Gerbkurse, Bogenbaukurse, aber eben keinen Kurs über die Jagd. Dabei ist für mich die Jagd der Beginn und das Ziel dieser anderen Kurse. Fährtenlesen lernen wir, um zu jagen, um zu wissen, wer war wann hier und um den Tieren folgen zu können. Vogelsprache lernen wir, um zu wissen, wo die Tiere sind. Die Kunst des Unsichtbarseins lernen wir, um die Tiere zu finden ohne dass sie uns bemerken. Die Jagd ist für mich ein ganz zentraler Punkt. Da ist die Integration, dort fängt es an und dort kommt es wieder zusammen.

Aber diesen Kurs gab es eben nicht. 2003 bin ich auf Visionssuche gegangen. Eigentlich ging es um ein ganz anderes Thema. Aber ich hatte an den vier Tagen im Wald sehr viele Tierbegegnungen und bin ganz klar mit der Botschaft wiedergekommen, „Bring die respektvolle Jagd zu den Menschen“. Das hat mich anfangs sehr verwirrt und ich habe vier Jahre und viele Gespräche mit meinen Mentoren gebraucht, bevor ich das umgesetzt habe.

Schließlich habe ich mich getraut, damit rauszugehen. 2008 habe ich dann den Kurs erstmals angeboten und seitdem findet er jährlich statt.

Kursinhalte:

Erlernen des Handwerks Jagd

Waffenkunde, Schießen, Wildtierkunde, Wildbrethygiene, Jagdpraxis, Jagd- und Waffenrecht.

Dazu kommen:

Ökologisch nachhaltig jagen

Vogelsprache

Fährtenlesen

Gerben

Kontakte mit anderen Jägern

Copyright Tim Taeger

Der Kurs dauert ein Jahr. Ich finde diese kurzen dreiwöchigen Blockkurse, die gerade so in Mode sind, nicht sinnvoll. Danach hat man zwar offiziell nach bestandener Prüfung den Jagdschein, ist aber kein Jäger denn man hat wenig Ahnung von dem, was tatsächlich da draußen los ist.

Ich will meinem Konzept treu bleiben, auch wenn es schwierig ist, denn es gibt bisher nur 10-12 Menschen pro Jahr, die den Kurs buchen. Darunter interessanter Weise oft mehr als die Hälfte Frauen.

Was hältst du von der aktuellen Jagdprüfung? 

Da wird viel Material abgefragt, was überholt ist oder ich unnötig finde, z.B. wie viel Eier die Stockente oder der Fasan legt, und wann welche Tiere Jagdzeit haben. Das und vieles andere finde ich unnötig, denn heutzutage ist es einfach und notwendig sich über aktuelle Jagdzeiten zu informieren, bevor man jagen geht, da diese sich in den letzten Jahren oft geändert haben. Noch dazu sind Jagdzeiten ja auch noch in jedem Bundesland unterschiedlich geregelt. Und viele Prüflinge jagen nachher nicht einmal in dem Bundesland, wo sie die Prüfung abgelegt haben. Die Prüflinge lernen also für die Prüfung einen Haufen unnütze Zahlen, die sie danach wieder vergessen können

Dann gibt es ganz viel altes Brauchtum, das gelernt werden muss, wie z.B. das alte Informationssystem unter den Jägern, die Brüche. In den Zeiten vor dem Handy war das praktisch, aber heutzutage braucht das kein Jäger mehr, sie werden auch nicht mehr praktiziert.

Dann werden teils wildbiologische Daten abgefragt, wie z.B. die Trophäenentwicklung beim Rehbock, die seit 30 Jahren wissenschaftlich überholt sind.

Es ist so viel totes Wissen, was für die Prüfung gelernt werden muss. Mindestens die Hälfte davon könnte man entsorgen und durch modernes Wissen, besser noch durch mehr Praxis, ersetzen.

Nächste Kurse: 

Respektvoll Jagen. Die Jagdausbildung:

Bei Hamburg:

In Reinbek, in der Nähe von Hamburg biete ich ab dem Frühjahr 2019 einen weiteren Jagdkurs „Respektvoll Jagen“ an. Zwei Absolventen meiner Ausbildung kommen von dort und sind inzwischen so gut mit der Jägerschaft vor Ort verknüpft, dass wir zwei Reviere für die Ausbildung nutzen können. Ich habe die Hoffnung, durch dieses Angebot auch Menschen zu erreichen, die den Weg nach Brandenburg nicht auf sich nehmen wollen. Das Konzept des Kurses in Reinbek orientiert sich eng am Kurs in Brandenburg, unterscheidet sich aber darin, dass in Reinbek keine Übernachtung mit angeboten wird. Die Teilnehmer übernachten also zu Hause oder müssen sich selbst eine Unterkunft suchen.

In Brandenburg, im Hohen Fläming an meinem neuem Platz:

Copyright Tim Taeger

Seit Januar lebe ich an einem wundervollen neuen Platz im Hohen Fläming. Ein altes Mühlengrundstück mit Wiesen. Es gibt Quellen, einen Bachlauf, Erlenwald und direkt daneben eine Düne mit Kiefern – die prägende Baumart für den Fläming. Die vielen Sandwege sind ideal zum Spurenlesen.

Hier finden jetzt auch meine Kurse und die Ausbildung Respektvoll Jagen“ statt. Im Haus gibt es einen schönen Seminarraum und Platz zum Übernachten. Ideal ist, dass ich in 1,5 Km Entfernung vom Seminarplatz eine Jagdgelegenheit und Ausbildungsrevier gefunden habe. Hier gibt es Reh-, Damwild und Schwarzwild. Vereinzelt auch Rotwild. Sogar ein Wolfsrudel lebt hier. Einen habe ich sogar schon gesehen. Das wird spannend werden!

Andere Kurse:

An meinem Platz biete ich nun auch Tageskurse zur Jagd an, wo Interessierte reinschnuppern und mich kennenlernen können. Natürlich gibt es auch andere Wildniskurse für Menschen, die an Jagd kein Interesse haben.

Ich biete Kurse zur Vogelsprache, dem Kommunikationssystem der Natur an, ebenso Familienangebote, handwerkliche Kurse wie Gerben oder Bogenbau, Schnuppertage, Naturführungen und Wildniscamps für Kinder runden das Programmangebot ab. Zusammen mit zwei befreundeten Wildnisschulen biete ich seit sechs Jahren eine Wildnispädagogische Weiterbildung an, die seit diesem Jahr nun auch hier am Platz stattfindet.

Alle Angebote findet ihr auf meiner Webseite : www.jagwina.de.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Lieben Dank für dieses schöne Interview. Ich habe keine Ahnung von der Jagd, aber das, was Tim tut, fühlt sich richtig an von ganz außen betrachtet. Hoffentlich erreicht er damit viele Menschen.

    Alles Liebe
    Birgit

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