#hambibleibt: Warum ich mich gegen die Abholzung des Hambacher Waldes einsetze

hambi bleibt

Mein Schwiegervater kam aus Buir in Nordrhein Westfalen. Dort, wo RWE schon lieber gestern als morgen den Hambacher Wald roden möchte, um weitere Ressourcen für den Braunkohletagebau zu erschließen. In seiner Kindheit konnte man noch überall um Buir herum im Wald spielen, heute sieht es da eher so aus:

Hambacher Tagebau
Hambacher Tagebau, Copyright Wikicommons

Seit 1978 baut RWE dort Braunkohle ab. Braunkohle wird zur Erzeugung von Strom verwendet. Dabei entsteht extrem viel CO2, selbst moderne Braunkohlekraftwerke emittieren dreimal so viel CO2 wie Gaskraftwerke. 

Mehr CO2 in der Atmosphäre bedeutet eine größere Belastung des Klimas. Dieser Sommer hat uns gezeigt, wie es aussieht, wenn die Temperaturen steigen. Die Dürre in vielen Teilen Deutschlands hat die Landwirtschaft nachhaltig geschädigt.

Dennoch will RWE jetzt den Hambacher Wald abholzen, den letzten kleinen Rest einer uralten Waldes, um die Braunkohle, die darunter liegt, zu fördern. Gelingt RWE das, dann gelangen weitere Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre – mit verheerenden Auswirkungen für das Klima.

Hamburg für Bambi
Hamburg für Hambi – ein Herz im Schanzenpark am 23.09.18

Viele Menschen prostestieren dagegen vor Ort und auch im restlichen Deutschland – so auch wir gestern in Hamburg. Organisiert von Greenpeace versammelten sich 1000 Hamburger im Schanzenpark und bildeten ein Herz für Hambi.

Doch das ist natürlich nicht das Ende dieser Auseinandersetzung, darum möchte ich im folgenden mal ein bisschen beleuchten, warum es am Hambacher Wald auch noch um mehr geht. Das fängt schon mit dem Namen an. (Einen großen Dank an dieser Stelle an Christof von Greenpeace, der mich darauf aufmerksam machte.)

Vom Wald zum Forst

In den Medien taucht der Wald immer unter der Bezeichnung Hambacher Forst auf. Diese Bezeichnung verdankt der Wald einem Schachzug von RWE, die 1978 schon mal gleich zeigen wollten, was sie mit diesem Wald vorhaben. Denn ein Wald darf sich (in Maßen) frei entwicklen und entfalten, ein Forst hingegen wird nach kapitalistischen Gesichtsregeln angelegt und genutzt (genau, diese endlosen Kiefernstangen, die überall rumstehen, das sind keine Wälder, das sind Forste).

Wälder gibt es nämlich gar nicht mehr so viele in Deutschland. 2017 erst ist in Thüringen wieder ein Bürgerbegehren gescheitert, in dem es darum ging, dass wenigstens 5% der Waldfläche nicht als Forst genutzt werden.

im Laubwald

Und darum ist der Hambacher Wald kein Forst, sondern ein Wald.  Er gehört zu den letzten Resten der schon im 10. Jahrhundert von Kaiser Otto II. urkundlich erwähnten so genannten Bürgewälder. Es handelt sich um naturnahe Wälder, deren Entwicklung seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung nie unterbrochen wurde. Als besondere botanische „Spezialität“ haben sich in diesem Wald noch natürliche Vorkommen von Winterlinden erhalten, die in der Wärmeperiode des Atlantikums vor etwa 3.000 bis 6.000 Jahren eingewandert waren. (Hier kann man das alles nachlesen.)

So viele gibt es davon in Deutschland, wie gesagt, nicht.

Daher brauchen wir den Wald. Wer schon einmal in einem Kiefernforst spazieren gegangen ist, weiß um den Unterschied zwischen einem jahrhundertealten gewachsenen Laubwald und einem vor ein paar Jahrzehnten angepflanzten Kiefernforst. (Wer das noch wissenschaftlich belegt haben möchte, kann sich in diesem Buch darüber schlau machen.)

Unsere Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen

Bis ein Wald entstanden ist, dauert es nicht Jahre oder Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte. In Schleswig Holstein profitieren wir jetzt noch von einer Regelung aus dem 18. Jahrhundert, die besagt, dass jeder der heiraten wollte, 10 Eichen oder 15 Buchen pflanzen musste (hier habe ich mehr darüber geschrieben). Auch damals war den Gesetzgebern klar, dass sie nicht in den Genuss dieser Regelung kommen würden, sondern sie haben tatsächlich an die kommenden Generationen gedacht. An uns.

Welches Erbe hinterlassen wir den kommenden Generationen?

Generell sieht es gerade nicht so besonders gut aus. Earth Overshoot Day, der Tag, an dem wir die Ressourcen für das Jahr verbracht haben, ist jedes Jahr früher und früher, dieses Jahr war er in Deutschland am 2. Mai (Weltweit am 1. August).

Dieser Sommer war der heißeste seit langem, überall herrschte Dürre und Trockenheit. Das Klima ändert sich, und wir sind nicht Zeugen, sondern wir sind schuld daran. Unser Lebensstil ist dermaßen gewachsen, dass wir der Natur zum Feind geworden sind. Dieses Zeitalter wird nicht umsonst das Anthropozän genannt.

Wir werden unserer Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen nicht gerecht.

Ob es durch die verhinderte Abholzung des Hambacher Waldes zu Engpässen in der Stromversorgung kommen kann, darüber streiten sich natürlich die Geister (RWE sagt natürlich ja, Greenpeace sagt nein.) Unabhängig davon, wer da nun recht hat, stellt sich doch die Frage, ob es dann nicht auch unsere Verantwortung ist, uns einzuschränken? Nur das zu verbrauchen, was wir auch wieder zurückgeben können? Nicht auf Kosten der kommenden Generationen zu leben? Was werden wir unseren Kindern später erzählen?

Rückkehr zur Natur

Ich möchte meinen Kindern gerne erzählen, dass es ganz viele Menschen gab, die sich dafür entschieden haben, weniger zu verbrauchen und mehr auf sich zu hören. Dass es eine große Wende gab. Dass wir das geschafft haben, die Erde auch für die nachkommenden Generationen zu einem lebenswerten Ort zu machen.

Um all das zu erreichen (und ja, ich gebe zu, es geht um viel), braucht es ein neues Denken, eine andere Herangehensweise.

Wie das funktioniert? Ich habe darauf auch keine schnelle Antwort, doch ich lese gerade Joanna Macy, die große Aktivistin, die seit Jahrzehnten mit ihrer Arbeit inspiriert. Sie schreibt in ihrem Buch Active Hope:

Active Hope is not wishful thinking. Active hope is waking up to the beauty of life on whose behalf we can act. We belong to this world.

Joanna Macy

Und das ist es. Wir gehören in diese Welt. Wir sind ihr verbunden und alles, was wir brauchen, ist das wir uns dessen wieder bewusst werden. Wir brauchen eine Rückkehr zur Natur. Eine Rückkehr zu unseren Wurzeln, zur der Liebe zur Natur. Wir brauchen Naturverbindung und -erfahrung. Denn wenn wir mit der Natur verbunden sind, dann werden wir offen für den Reichtum, der überall schon da ist. Für die vielen Geschenke, die Mutter Natur uns überall hinterlässt. Dann brauchen wir nicht so viel Ablenkung, so viele Entschädigungen, so viel Konsum. Wir können mit weniger Strom auskommen, weniger Ressourcen verschwenden.

Geht hinaus in den Wald, lasst eure Kinder dort spielen, entdeckt, was es dort an Kostbarkeiten gibt. Freut euch an den Eicheln, den Nüssen, den Farben, den Gerüchen. Verbindet euch mit der Natur, lasst euch wieder darauf ein. Geht zu einer Wildnisschule, wenn euch das schwer fällt. Kommt heim und teilt eure Erfahrung mit allen, lasst alle wissen, welche Schätze dort draußen sind. Was wir alles verlieren, wenn wir den Wald verlieren.

Und dann steht auf, damit die Kinder unserer Kinder noch im Hambacher Wald spielen können.

Hier könnt ihr euch engagieren:

Waldspaziergänge im Hambacher Wald:

https://www.buirerfuerbuir.de/

Petition von Greenpeace:

https://www.greenpeace.de/retten-statt-roden

Fakten zur geplanten Rodung:

https://www.greenpeace.de/kampagnen/hambacher-wald-retten

https://www.bund-nrw.de/themen/mensch-umwelt/braunkohle/hintergruende-und-publikationen/braunkohlentagebaue/hambach/

Demonstrationen:

https://www.greenpeace.de/ticker/hambacher-wald

Noch mehr Informationen:

Hier noch ein Video von Deutschlands Oberförster Peter Wohlleben zum Hambacher Wald:

https://www.facebook.com/PeterWohlleben.Autor/videos/1864882320256839/

Mehr Informationen über das Werk von Joanna Macy:

Tiefenökologie – Systemwandel mit Kopf, Herz und Hand

 

5 Kommentare

  1. Liebe Kathrin, auch ich danke Dir für Deinen Beitrag. Wie viele andere verfolge die die Ereignisse gerade mit einer gewissen Fassungslosigkeit – mit welcher Borniertheit und Ignoranz dort kurzfristige Gewinninteressen durchgesetzt werden sollen, die langfristig unsere Lebensgrundlagen zerstören – spätestens die unserer Kinder! Ich kann auch verschiedenen Gründen selbst gerade nicht aktiv werden, verweise aber gern nachher in meinem Blog auf Deinen Artikel.
    Herzliche Grüße von Agnes

  2. Ich hatte zwar eine Ahnung, daß es sich um einen alten Wald handelt, aber mir fehlten die Details. Vielen Dank für deinen guten Beitrag! Ich ärgere mich immer wieder, wenn von manchen Seiten oder Medien so getan wird, als könnte man den Wald bzw. das Braunkohlerevier hinterher einfach wieder so aufforsten, einen netten Badesee hinkloppen und der Natur wäre damit dann genüge getan. Wie du sagst, so ein alter Wald mit so wertvollen Lebewesen entsteht nicht von heut auf morgen. Allein das Totholz, altes Holz, alte Bäume – als könnte man das ersetzen. Es ist zum Heulen. Inzwischen ist der kleine Wald zum Symbol geworden und das ist auch gut so. Lange genug wurde über die Natur hinweggetrampelt. Es muß endlich eine Kehrtwende geben. So wie du es schreibst, wäre es so wichtig, daß die Menschen wieder ihre Wurzeln finden, zurück zur Natur, und sie nicht weiter mit Füßen treten. LG, Almuth

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