Wenn Steine erzählen könnten. Spurensuche mit Findlingen und Feuersteinen

Riesenbett im Winter

 

Steine können nicht erzählen. Oder etwa doch? Auf eine gewisse Art und Weise machen sie nämlich genau das. Hier in Schleswig-Holstein zum Beispiel erzählen sie von fernen, fernen Zeiten, als riesige Eismassen den Norden Deutschland bedeckten. Damals haben die Steine und Mineralien eine lange Reise angetreten. Ursprünglich stammt nämlich  99% des Gesteins in Schleswig-Holstein aus Skandinavien. Ohne die Eiszeit bestände Schleswig-Holstein nur aus 10-15 Inseln, die in einer vereinigten Nord- und Ostsee liegen würden.

Der Ursprung: die Eiszeiten

Doch die Eiszeiten änderten all das. Den Untergrund schufen die Saale – Eiszeit, die kälteste Periode, in der die Gletscher bis weit nach Mitteldeutschland reichten sowie die Wartheeiszeit. Danach kam die jüngere Weichseleiszeit, die letzte Eiszeit, die vor 50 000 Jahren begann und das östliche Hügelland Schleswig-Holsteins, die Sandergeest und weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns gestaltete. Erst vor ca. 15 000 Jahren ging sie zu Ende.

Wie ein riesiger Hobel schürften die Gletscher damals über Skandinavien hinweg, nahmen Erde, Schutt, aber auch Felsbrocken auf. So kam das Eis nach 1500 und mehr Kilometern in Norddeutschland an, wo die Gletscher im so genannten Zehrgebiet abschmolzen und ihre Last abluden. An dieser Stelle bildeten sich Endmoränen, bis zu 50 Meter und mehr hohe Hügel bzw. Hügelketten, die den äußeren Eisrand markieren, z.B. die Hüttener Berge.

Dahinter kam der Sander, große Kies- und Sandflächen, die sehr nährstoffarm waren und landwirtschaftlich nur eingeschränkt nutzbar waren. Der Boden ist äußerst wasserdurchlässig und darum trocken. Vom Friesischen „güst“, unfruchtbar, kommt der heutige Name „Geest“, der sich in Ortsnamen wie Geesthacht bis heute erhalten hat.

Feuersteine

Steine aus der Eiszeit: Feuersteine
Feuersteine

Unter den zahlreichen Steinen, die die Gletscher hier abluden, sind die Feuersteine besonders bemerkenswert. Die so genannte Feuersteinlinie, die Verbindungslinie der jeweils südlichsten Feuersteinfundorte, markiert die südlichste Ausdehnung des Inlandeises. Feuersteine kamen nämlich ursprünglich nur an ganz wenigen Standorten in Deutschland vor.  So sind z.B. die großen Feuersteinfelder auf Rügen auch Hinterlassenschaften der skandinavischen Gletscher. Hier, auf den Feuersteinfeldern, steigt auch die Chance ganz besondere Steine zu finden: die so genannten Hühnergötter, das sind Feuersteine mit einem natürlich entstandenen Loch in der Mitte.

Steine aus der Eiszeit: Hühnergötter
Hühnergott aus den Rügener Feuersteinfeldern

Zum Feuermachen braucht man übrigens nicht zwei Feuersteine, sondern einen Feuerstein und einen Pyrit oder Markasit (oder auch Stahl). Der Feuerstein schlägt von dem Pyrit oder Markasit kleine Späne ab, die sich durch die Aufschlagsenergie in Funken verwandeln und ein brennbares Material, den Zunder (mehr über Zunder habe ich hier geschrieben) in Brand setzen. Bis zur Erfindung der Streichhölzer im späten 19. Jahrhundert waren Feuerstein und Stahl die einzige (und mühsame) Methode, verlässlich Feuer zu machen, darum war es so wichtig die Glut im Ofen über die Nacht zu halten und zu bewahren.

Noch mehr Steine: Findlinge

Nicht zum Feuermachen geeignet, dafür aber definitiv unübersehbar ein Symbol für die Eiszeit, sind die Findlinge, riesige Gesteinsbrocken meist aus Granit, deren Entstehung sich die frühen Menschen nur mit Magie erklären konnten. Riesen hatten sie in ihrem Ärger auf die Erde geschleudert, so ihre Vermutung.

Steine aus der Eiszeit: Findlinge
Findlinge an der „Schönen Eiche“ an der Bille

Während der Jungsteinzeit wurden die Findlinge dann für Gräber benutzt, wie zum Beispiel das Hünenbett im Klecker Wald oder auch die Hünenbetten im Sachsenwald direkt bei mir vor der Haustür.

Später wurden die Steine für Straßen- und Häuserbau verwendet. Das Fundament der Jesteburger Kirche besteht aus Resten eines Hünenbetts unweit des Klecker Hünenbetts, das für den Bau der Kirche zerschlagen wurde.

Wo kommen die Steine bei euch in der Gegend her? Was berichten sie über die Geschichte eurer Heimat? Schaut euch mal um in eurer Stadt, oft erzählen euch die Kirchen und Rathäuser, welche Gesteinsarten es in eurer Umgebung gibt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhundert entstandene Bauwerke repräsentieren das Gesteinsinventar der näheren Umgebung.

So ist der Erfurter Dom aus Sandstein gebaut, wie auch die Wartburg, der Kölner Dom aus Tuff und Trachyt vom Rhein, das barocke Dresden aus Elbsandstein und das Heidelberger Schloss aus rotem Sandstein. In Norddeutschland hingegen wurde alles aus Backstein gebaut, da dieser im rauen Klima des Nordens als das beständigere Baumaterial galt. Und bei euch?

Quellen:

Kurt-Dietmar Schmidtke, „Auf den Spuren der Eiszeit. Die glaziale Landschaftsgeschichte Schleswig-Holsteins“ Husum 1985.

Heinrich Becker, „Die Gesteine Deutschlands, Fundorte – Bestimmung – Verwendung“, Quelle&Meyer Verlag 2016.

2 Kommentare

  1. Das ist ja spannend! Ein interessanter Beitrag. Eiszeit und Feuersteine sagen einem zwar rudimentär etwas, aber von den Hintergründen weiß ich nicht viel. Hier, bei Hannover, gibts Raseneisenstein, was vielfach in alten Kirchen oder Kapellen zu sehen ist, auch in manchem Fachwerkhaus. Da muß ich mich mal schlauer machen 🙂 Danke für die Inspiration!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.